Vitra Campus Teil 5: Werkshallen als Kunstwerke

Unbedingt nachahmenswert

Wären wir Feuerspucker oder Schwertschlucker, so erfolgte an dieser Stelle der Hinweis, die dargebrachten Possen keinesfalls nachzuahmen – da dem aber nicht so ist, dürfen wir Ihnen mit ganzem Nachdruck unsere Begehung des Vitra Campus in Weil am Rhein, über die wir hier im Blog im Rahmen einer kleinen Abfolge von Artikeln Kunde geben wollen, zur Nachahmung ans Herz legen. Wählen Sie ein Wochenende mit schönem Wetter, damit Sie die ganze architektonische Pracht des Campus bei schönster Beleuchtung in Augenschein nehmen können. Denn Vitra ist beileibe nicht einfach nur eine renommierte Designschmiede, sondern auch ein architektonisches Projekt, das in seiner faszinierenden ästhetischen Vielschichtigkeit jederzeit einen Besuch wert ist.

Nachdem wir also der Tankstelle von Prouvé ansichtig geworden sind, uns der im wahrsten Sinne des Wortes schrägen und spürbar effektvollen Architektur von Zaha Hadid hingegeben haben, anschließend im kontemplativen Konferenzbau Tadao Andos wieder zu uns gekommen sind, um das Fullersche Zelt in Augenschein zu nehmen, wollen wir nun die Hallen betrachten, in denen gleichermaßen klassisch bewährtes wie progressiv zukunftsgewandtes Mobiliar gefertigt wird. Solche Werkshallen finden sich bei jedem produzierenden Unternehmen und alle eint eine Zweckmäßigkeit, die selten Rücksicht nimmt auf ästhetische Außenwirkung. Bei Vitra ist das anders. Vitra überlässt nichts dem Zufall. Und so sind hier auch vermeintlich unscheinbare Zweckbauten architektonische Höhepunkte, im Fall der Werkshallen erschaffen von Nicholas Grimshaw, Frank O. Gerhy, Álvaro Siza und SANAA.

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Neuanfang mit Ehrenmitglied

Werkshallen sind im Allgemeinen zunächst nichts mehr als flache, großflächige Gebäude mit der vereinfacht formulierten Bestimmung, sämtliche Produktionsprozesse auf einer Ebene übersichtlich und effizient zu ermöglichen. Das gilt natürlich auch für die Werkshallen von Vitra. Doch wird hier auch auf die ästhetische Qualität Wert gelegt. Zweckdienlichkeit und Schönheit sind gleichberechtigte Prinzipien, die wie in einem Vitra-Möbel auch in der Architektur des Campus zum Tragen kommen. Dem wollen wir auf unserem weiteren Spaziergang nachgehen.

Es bietet sich an, die Werkshallen chronologisch abzuschreiten. Die älteste der Hallen ist die Doppelhalle aus der Feder von Nicholas Grimshaw, erbaut 1981 und 1986. Zu Beginn der 80ger Jahre lag die Produktion von Vitra sprichwörtlich danieder, denn ein Großbrand hat einen Großteil der Bausubstanz aus den 50ger Jahren vernichtet. Es galt, einen Neuanfang zu bewältigen. Dafür wurde Grimshaw engagiert, ein renommierter britischer Architekt, der bis dato mit einem ungewöhnlichen Apartmenthochhaus in London sowie der britischen BMW-Zentrale in Bracknell, einer Kleinstadt westlich von London, von sich Reden gemacht hat und später Ehrenmitglied des Bundes deutscher Architekten wurde.

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Hierzulande nicht unumstritten

Mit seinen Produktionshallen hat Grimshaw den Grundstein für den Vitra-Architekturpark gelegt. Nähert man sich dem Campus, besticht das Gebäudetandem schon von weitem mit seinem metallisch-blausilbrigen Farbeindruck, der dem einer Bachforelle gleicht. Bemerkenswert daran ist jedoch nicht nur der optische Eindruck: Von der Planung bis zur Fertigstellung der Halle vergingen nur sechs Monate. Möglich war dies durch vorgefertigte Fassadenteile aus Aluminiumblech in Wellenstruktur, die bei Sonnenlicht die irisierenden Lichteffekte bewirken. Die Hallen beherbergen neben der Produktion auch zwei Showrooms sowie das Citizen Office.

1989 wurde die zweite Produktionshalle errichtet, diesmal nach einem Entwurf des kanadisch-amerikanischen Architekten Frank O. Gehry. Gehry ist Träger des Pritzker-Preises (der renommierteste Architekturpreis der Welt, gilt mittlerweile als eine Art Nobelpreis für Architekten) und muss als solcher einem deutschen Publikum kaum mehr vorgestellt worden, weil er hierzulande berühmt-berüchtigte Gebäude geschaffen hat, die in einer breiten Öffentlichkeit nicht immer unumstritten waren – man denke nur an den verdrehten Gehry-Tower in Hannover, das Gebäude der DZ Bank in Berlin (am Brandenburger Tor) oder den Neuen Zollhof in Düsseldorf, der ohne Gesimse und Sockel auskommt und mit seiner fließenden Fassade wie ein schmelzendes Stück Eis im Sonnenschein wirkt.

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Mit konstruktivem Clou

Seine Produktionshalle für den Vitra Campus entspricht in Höhe und Grundfläche der benachbarten Grimshaw-Halle und ist in Summa von einer sachlichen Formensprache geprägt; nur im Eingangsbereich zeigt sich, wofür Gehry weltweit gefeiert wird: geschwungene Rampen und ein überstehendes Dach sind geprägt durch eine weitschweifige Linienführung, wodurch dem Bau (wie so vielen anderen Gehry-Gebäuden auch) eine dynamische, organische Note anhaftet. Bei Gehry fallen Design und Architektur in eins, und dies wird insbesondere dann deutlich, wenn man das Vergnügen hat, die tunnelartigen Rampen zu beschreiten, durch die man zu einer Kantine, zu Büros, Schau- und Produktionsräumen sowie einem Testzentrum gelangt.

Wenige Jahre später (1994) wurde die dritte Produktionshalle auf dem Campus in Betrieb genommen. Ganz im Gegensatz zu den Grimshaw- und Gehry-Bauten ist die Halle von Álvaro Siza in Backstein gehalten, womit ein materialer Bezug zu den alten Werkstätten genommen wird, die den Flammen zum Opfer fielen. Die Produktionshalle von Siza ist in einem gewissen Sinne ein kontaktfreudiges und verbindendes Gebäude, das einen nicht unerheblichen Beitrag zur Heterogenität des Campus leistet. Indem diese Halle als schlichter, schnörkelloser Zweckbau fungiert, kommen die Eigenheiten der sie umgebenden Gebäude hervorragend zu Geltung. Doch ist dies nur der erste Eindruck. Auf den zweiten Blick zeigt sich nämlich, dass auch Sizas Halle mit einem konstruktiv-ästhetischen Clou aufwartet, der nicht direkt ersichtlich ist: einer höhenverstellbaren Brückendachkonstrukion. Man müsste schon auf Regen warten, um die technische Besonderheit zu bemerken: Bei Regen senkt sich das Dach ab, um Fahrzeugen und Personal einen witterungsgeschützten Zugang zur Halle zu ermöglichen. Durch die geschwungene Gestalt wird außerdem die Sichtachse zum Feuerwehrhaus von Zaha Hadid nicht beschränkt. Je nach Standort und Lichteinfall wirkt der Schatten der Brücke zudem so, als setzte sich diese auf dem Ziegelwerk fort.

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Schier zerbrechliche Schönheit

Der Portugiese Siza, der mit vollem Namen Álvaro Joaquim de Melo Siza Vieira heißt, hat damit einen eigenständigen Beitrag zur Entstehung des Vitra Campus geleistet. Der Name Siza – ebenfalls ein Pritzker-Preisträger –  ist ein weiterer ikonischer Name in der Riege der international angesehenen Architekten, die für Vitra bauen durften; so gilt Siza als einer der bedeutendsten portugiesischen Vertreter der architektonischen Moderne, dessen Bauten eine formale Strenge charakterisiert. Das zeigt sich auch in der scharfen Silhouette seiner Halle, deren konsequente Schönheit zum einen im warmen Rot-Ton des verwendeten Fassadenmaterials liegt, zum anderen aber gerade auch in der Absenz jedweder Zierelemente zur Geltung kommt. Weniger ist mehr.

Als vierte und vorerst letzte Halle ist die nahezu kreisrunde Werkshalle des japanischen Architekturbüros SANAA hinzugekommen. Diese ist seit 2010 funktionaler Bestandteil des architektonischen Ensembles;  ästhetische gehört sie seit 2012, der Fertigstellung der Fassade, vollends zum Campus. Mit ihrer ovalen Form hebt sie sich deutlich von den übrigen, rechteckigen Produktionshallen ab. SANAA hat diese Form gewählt, um dem Lastkraftwagenverkehr genügend Zirkulationsfläche zu bieten. Die Fassade ist wie auch die der Grimshaw’schen Halle wellenförmig strukturiert; tritt man nahe an das Gebäude heran, offenbart sie eine schier zerbrechliche Schönheit.

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Noch nicht am Ende angelangt

SANAA (Sejima And Nishizawa And Associates) ist ein japanisches Architekturbüro unter der Leitung von Kazuyo Sejima und Ryūe Nishizawa. Wie auch Gehry und Siza sind die beiden Pritzker-Preisträger; in Deutschland bekannt geworden durch einen kubischen Bau für die Zeche Zollverein in Essen. SANAA wird weltweit respektiert für minimalistische Gebäude, die in der Hauptsache aus unbehandeltem Sichtbeton sowie Aluminium, Glas und Stahl erbaut sind. Eine reduzierte Architektur als die von SANAA scheint kaum möglich, und so ist mit der ovalen Halle sowohl die architektonische Heterogenität des Vitra Campus profiliert, als auch dessen Anziehungskraft für Architekturliebhaber aus aller Welt gestärkt worden.

Sie denken es sich wahrscheinlich schon: Nach einem Rundgang über den Campus ließen sich dicke Bücher schreiben, die allein die Produktionshallen zum Inhalt hätten. Auf dem Vitra Campus sind auch Werkshallen Kunstwerke. Allein diese Hallen verleihen dem Campus eine Attraktivität, wie sie nur von wenigen anderen Firmengeländen ausgeht. In den Hallen kommen ein mitreißender Zukunftsgeist und architektonische Visionen zum Ausdruck, an denen sich ablesen lässt, dass das Projekt Vitra noch Faszinationen bereit halten wird, die wir noch gar nicht zu erahnen vermögen. Und dabei sind wir mit dieser Serie über unseren Besuch auf dem Vitra Campus noch nicht am Ende angelangt!

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