Original oder Fälschung? Teil 2: Freischwinger von Thonet

Charakteristische Qualitätsmerkmale des S 64

Thonet-LabelPer Email, am Telefon und natürlich auch in unseren drei Designstores werden wir von Ihnen, unseren Interessenten und Kunden, immer wieder danach gefragt, woran ein Original-Möbel eines rechtmäßigen Herstellers zu erkennen ist. Wegen des nahenden Weihnachtsfestes häufen sich diese Nachfragen derzeit. Was also unterscheidet ein Original von einer Fälschung? Im ersten Artikel unserer Serie „Original oder Fälschung?“ haben wir davon berichtet, dass nach Deutschland eingeführte Fälschungen des Barhockers LEM (Hersteller: Lapalma) vernichtet werden mussten. In unserem heutigen, zweiten Beitrag wollen wir eine positive Perspektive auf diese Problematik werfen und mit einem gleichsam filmischem Zoom an ein Original herangehen, um dessen Originalitätsmerkmale, die sowohl formaler, aus auch qualitativer Natur sein können, zu zeigen. Anschauungsobjekt wird das Thonet-Freischwinger-Modell S 64 in den Ausführungen schwarz gebeizte Buche und Nussbaum sein – ein berühmter Bauhaus-Klassiker von Marcel Breuer, der immer wieder gefälscht wird.

Thonet: Hochwertiger Qualitätsstahl

Breuer gehörte zu den ersten Designern überhaupt, die Möbel aus Stahlrohren gefertigt haben. Seinerzeit war ein Freischwinger nicht nur eine formale Weiterentwicklung, sondern auch eine konstruktive Revolution – schließlich kommt das Sitzmöbel praktisch ohne Hinterbeine aus – und eben deshalb ist das auffälligste Nutzungsmerkmal eines Freischwingers das leichte, rückwärtige Absinken der Sitzfläche, sobald darauf Platz genommen wird. Der Stuhl schwingt dann mit jeder Bewegung leicht mit, und dieses Mitschwingen ist das unabdingbare Merkmal eines jeden Freischwingers. Damit die gewünschte Elastizität dauerhaft gewährleistet bleibt, ist jeder originale Thonet-Freischwinger aus hochwertigem Qualitätsstahl gefertigt. Fälschungen sind häufig aus minderwertigem Stahlrohr gebaut, so dass der Stuhl schon nach einer geringen Nutzungsdauer nicht mehr mitschwingt.

6Die Stahlrohre eines Thonet-Originals haben eine Wandungsdicke von 2 mm. Dadurch ist auch im gebogenen (gestreckten Bereich) der Rohre genügend Materialstärke vorhanden, weshalb sich keine Sollbruchstellen bilden können. Viele Plagiate haben typischerweise geringere Wandungsstärken, so dass nicht nur das Schwingungsverhalten des Stuhls deutlich vom Original abweicht, sondern auch die Sicherheit des Nutzers gefährdet sein kann. Bei Thonet werden nach dem Biegen der Gestelle alle Winkel und Schmiegen kontrolliert und gegebenenfalls gerichtet. Dadurch steht das Gestell des Freischwingers immer eben und schwingt gleichmäßig nach unten. Bei Reihung der Stühle befinden sich Rücken- und Armlehnen immer auf gleicher Höhe.

Freischwinger S 64: Galvanisch verchromte Endkappen

Original und Fälschung von Thonet-Freischwingern unterscheiden sich vor allem in der Ausführung vermeintlich unscheinbarer Details, so auch der Verbindungslöcher, durch die das Gestell mit der Lehne verschraubt wird. Beim Original werden die Verbindungslöcher gebohrt und versenkt. Dadurch erhält das Rohr im Querschnitt keine Schwächung und die geraden Linien der Gestaltung gehen nicht durch Mulden verloren. Fälschungen hingegen sind in der Regel an gestanzten Verbindungslöchern zu erkennen. Zudem haben Fälschungen meistens keine galvanisch verchromten Endkappen, sie weichen also farblich ab. Bei einem Original von Thonet ist dies nicht der Fall, wie die nachfolgende Abbildung verdeutlicht.

1Doch auch an deutlichen formalen Abweichungen lassen sich Original und Fälschung unterscheiden. Fälschungen springen erfahrungsgemäß mit groben Designfehlern geradezu ins Auge – beispielsweise mit einer geraden Sitzvorderkante. Bei einem originalen Freischwinger ist, siehe folgende Abbildung, die Vorderkante der Sitzfläche abgerundet. Durch diese ergonomisch angepasste Sitztiefe, die Ausformung und die Höhe der Sitzfläche wird eine möglichst flächenhafte Verteilung der Belastung der Beine erreicht. Dies begünstigt eine gute Durchblutung der Beine, vor allem der Unterschenkel und verhindert, dass durch ständige starke Pressung der Nerven, insbesondere des Ischiasnervs, ein Einschlafen der Beine eintritt. Fälschungen sind also meistenteils auch: unkomfortabel.

Marcel Breuer: Formale Harmonie

Der rechtmäßige Hersteller eines Designklassikers denkt natürlich ganz im Sinne des Designliebhabers. Deshalb ist das Gestell ist auf der Unterseite für die Montage von Gleitern vorgestanzt, so dass der Kunde diese bei Bedarf selbst anschrauben kann. Fälschungen haben normalerweise keine Möglichkeit, nachträglich Gleiter anzubringen. Ein anderer Formfehler, durch den sich Fälschungen erkenntlich zeigen, tritt an den Gestellauflagen für die Armlehnen auf. Der Gestellauflagebogen für die Armauflage ist gebogen und schmiegt sich dem Stahlrohr elegant und formschön an (entsprechend der nach vorne gebogenen Sitzfläche). Fälschungen können zumeist nicht mit einer derartigen Ausführungsqualität aufwarten und entbehren der formalen Harmonie des Originals – schließlich ist es das homogene, in sich stimmige Design des Stuhls, das Marcel Breuer bekannt und den S 64 zu einem Klassiker gemacht hat.

5 Als Käufer bei Cairo und im guten Fachhandel werden Sie ohnehin keinen Fälschungen begegnen. Kentnisse über die Merkmale der Fälschungen können aber dennoch hilfreich sein, beispielsweise dann, wenn jemand glaubt, ein ganz besonderes Schnäppchen gemacht zu haben. Die gezeigten Modelle in Nussbaum und in schwarz gebeizter Buche finden Sie in unserem Online Shop; zum Anfassen und Probesitzen dürfen wir auf unsere Designstores verweisen. Natürlich bieten wir hier wie dort auch noch andere Originale von Thonet an. Wir hoffen, mit diesen Informationen Ihren Wissensdurst zumindest ansatzweise gestillt zu haben. Auch für uns bleibt das Thema weiterhin wichtig, weil gerade im Internet viele täuschend echte Plagiate angeboten werden und wir deshalb gerne dem gestiegenen Informationsbedarf nachkommen. Mit der Artikel-Serie „Original oder Fälschung?“ geht es also weiter!

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6 Replies to “Original oder Fälschung? Teil 2: Freischwinger von Thonet”

    1. Sehr geehrte Frau Vidal,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Ja, es gibt bedauerlicherweise auch Repliken vom Thonet S33. Diese sind dem Original in Bequemlichkeit, Stabilität und Verarbeitungsqualität weit unterlegen. Grundsätzlich gelten für alle Thonet-Stühle die in diesem Artikel beschriebene Qualitätsmerkmale – zu nennen wäre vor allem die Wandungsstärke des Stahlrohrs. Diese beträgt bei Thonet-Originalen 2 mm. Der S33 ist wie alle anderen Thonet-Stühle auch mit dem oben abgebildeten Authentizitätssiegel versehen.

      Viele Grüße
      Patrick Andree

  1. hallo,
    woran erkenne ich, ob ein S 533 R ein Original ist? Nicht alle von Thonet produzierten Modelle tragen glaube ich eine Plakette. mit best Grüßen

    1. Hallo Frau Glesti,

      nach interner Besprechung haben wir – zur Sicherheit – auch nochmal mit Thonet Rücksprache gehalten. Der von Ihnen beschriebene Fall ist leider nicht ohne Weiteres abzuklären. Thonet selbst hat vorgeschlagen, dass Sie sich per E-Mail an thonet@thonet.de wenden. Die Mitarbeiter dort kümmern sich dann sehr gerne um Ihre Frage.

      Viele Grüße

      Judith Joseph

  2. Guten Tag, vielen Dank für diesen Artikel. Anfügen möchte ich, dass nicht alle Thonet S32 Stühle Bohrungen für Filzgleiter aufweisen, es ist nicht notwendigerweise ein Hinweis auf eine Fälschung. Hier spielt das Alter eine entscheidende Rolle, zumindest wird es so auf der Thonet Webseite erklärt.
    Viele Grüsse, Marla Reimann

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