Marcel Breuer – Großmeister des Stahlrohrdesigns

Keinen Nachteil für die Karriere

marcel-breuerDer Freischwinger ist nicht einfach nur ein Stuhl, und Marcel Breuer ist nicht nur einfach ein Designer. Nein, beide sind mittlerweile feste Bezugspunkte nicht nur der deutschen, sondern auch und vor allem der internationalen Architektur- und Designgeschichte. Breuer hat mit seinem Beiträgen für das Musterhaus „Am Horn“ in Weimar (der „Toilettentisch der Dame“ war sein Gesellenstück) und seinen nachfolgenden Stahlrohrmöbeln kurzfristig für Aufsehen gesorgt und langfristig Geschichte geschrieben. Und auch wegen seiner überwiegend in den USA entstandenen Gebäude gilt Marcel Breuer heutzutage als unumstrittener Meister des Modernismus.

Dass der 1902 im ungarischen Pécs (damals: Fünfkirchen) geborene Marcel Lajos Breuer sein Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien schon nach wenigen Wochen abgebrochen hat (1920), ist ihm für seine Karriere nie zum Nachteil geworden – ganz im Gegenteil. Breuer wechselte von Wien nach Weimar an das erst im Jahr zuvor gegründete Bauhaus und begann dort eine Tischlerausbildung, die auch eine lange Lehrzeit bei Walter Gropius, dem Gründer des Bauhauses, umfasste. 1924 legte er dann seine Gesellenprüfung mit besagtem Toilettentisch ab, und schon ein Jahr später wurde Breuer von Gropius zum Jungmeister berufen. Im Zuge dieser Berufung leitete Breuer bis 1928 die Möbelwerkstatt.

Entwürfe Breuer, Produktion Thonet

In dieser Jungmeister-Phase schuf Breuer eines der berühmten, wenn nicht sogar sein berühmtestes Möbelstück: Der Stuhl B3, auch bekannt als Wassily Chair. Dieser Sessel war schlicht und ergreifend eine Revolution des Möbelbaus. Nie zuvor wurde eine Konstruktion aus Stahlrohren gezeigt, in die einfach nur Lederriemen eingespannt wurden. Ein Stuhl, zwei Materialien. Ermöglicht wurde die Entwicklung dieses Stuhls aber auch durch die Innovationen eines traditionsreichen deutschen Metallunternehmens: Mannesmann hat zu Beginn der 20er Jahre den Prozess zur Produktion nahtloser Stahlrohre endgültig perfektioniert – und damit die Basis geschaffen, auf der Marcel Breuer mit diesem Material experimentieren konnte. Aus dem Nichts hat Marcel Breuer mit dem B3 einen der bekanntesten Sessel der Welt aus der Taufe gehoben, für den sich der Spitzname Wassily Chair einbürgerte, weil sich bis nach dem Zweiten Weltkrieg das Gerücht hielt, das Breuer den Stuhl für Wassily Kandinsky entworfen habe.

Marcel-Breuer-WassilyDoch der Erfolg konnte Breuer nicht dauerhaft an das Bauhaus binden, und so verließ er Weimar und das Bauhaus 1928 gen Berlin, um sich dort als Architekt und Inneneinrichter niederzulassen. Die Arbeit mit Stahlrohren hat Breuer nicht aufgegeben, und auch in seiner Berliner Zeit sind nachhaltig berühmte Möbel entstanden. Schon während seiner Zeit am Bauhaus gründete er gemeinsam mit dem ungarischen Architekten Kalman Lengyel die Firma Standard-Möbel Lengyel & Co, von der die ersten Stahlrohrmöbel produziert wurden – bis 1929 die Firma Thonet die Produktionsrechte übernahm. Breuer hat seine Firma aus eigenen Stücken aufgelöst und Thonet produziert Breuers Freischwinger bekanntlich bis heute.

Neue Sachlichkeit

Der Abschied vom Bauhaus Ender der 20er Jahre leitete Breuers kreativste Phase der Möbelgestaltung ein. Mit den Freischwingern S32 und S64 sind ihm zwei der meistproduziertesten Stahlrohrmöbel der Designgeschichte gelungen, denn wie nur wenige andere Sitzmöbel war der Freischwinger seinerzeit nicht nur eine Designneuheit, sondern auch eine technische Novität, der eine lange Forschung und Entwicklung vorausging. Auffälligstes Merkmal des Freischwingers sind die fehlenden Hinterbeine, die durch die geschwungene Form der Stahlrohre ausgeglichen werden. Der tragende Rahmen besteht aus einem einzigen Stahlrohr, das wie ein grobes ‚S‘ geschwungen ist, rückseitig einmal überläuft und dann die S-Form wiederholt. Zwar geht die konstruktive Idee auf Mies van der Rohe zurück – bei einem Patentstreit 1932 verlor Breuer das künstlerische Urheberrecht, das damals Mart Stam zugesprochen wurde –, doch Breuer perfektionierte das Konstruktionsprinzip des Freischwingers.

Marcel-Breuer-Thonet-FreischwingerDas reduzierte, geradezu nüchtern zu nennende Design der Freischwinger setzt sich fort im Schreibtisch S285, einem paradigmatischen Bauhaus-Möbel in mustergültiger Ausprägung. Elegante Sachlichkeit ist das Hauptmerkmal dieses Schreibtischs, und Neue Sachlichkeit nennt sich die Design-Epoche, in der dieses Schreibmöbel entstanden ist und deren Formensprache es spricht. Die neue Sachlichkeit war eine bewusste Abkehr von den ornamentalen Formen des Jugendstils, von dessen dekorativ geschwungenen Linien, flächenhaft floralen Elementen und bizarren Asymmetrien – womit zugleich eine genaue Beschreibung des S285 gegeben wäre: Dieser kommt gänzlich ohne Zierrat aus und ist auf die technisch notwendigen Elemente reduziert.

Schillernder Superstar

Während Marcel Breuer hierzulande vor allem wegen der vorgestellten Möbel immer noch als „der“ ultimative Stahlrohr-Designer wahrgenommen wird, als Schöpfer sagenhafter Freischwinger und des legendären Wassily-Sessels, wird er kaum als Architekt wahrgenommen, als der er nach seiner Emigration Weltruhm erlangt hat. Wegen seines jüdischen Glaubens siedelte Breuer 1933 kurzzeitig zurück nach Ungarn um, bevor er 1933 nach London zog und 1937 endgültig in den USA sesshaft wurde und dort auch eine Familie gründete. Zwar hatte er schon vor seiner Emigration einige vielbeachtete Interieurs entworfen – unter anderem die Einrichtung für das Haus des Berliner Theaterregisseurs Erwin Piscator –, als primärer Architekt wurde er aber nicht wahrgenommen. Dennoch nahm Walter Gropius ihn in den Bund Deutscher Architekten auf – die Aufnahme war ihm Jahre zuvor noch verwehrt worden, weil Breuer kein Architekturstudium absolviert hat.

Marcel-Breuer-Thonet-SchreibtischGropius war es auch, der Breuers Architektenkariere in den USA entschieden beschleunigte. Gemeinsam gründeten die beiden die Architekturfakultät der Harvard University (eine der renommiertesten Universitäten der Welt), an der Breuer selbst auch als Professor lehrte. 1941 eröffnete er sein eigenes Architekturbüro und machte von da an seinen eigenen Namen zu einer großen Architekturmarke. Für Breuer spielte das Produktdesign seit seiner Instituierung in Harvard eine nur noch untergeordnete Rolle. Breuer wirkte in den USA nur noch als Architekt – und wie! Über einhundert Gebäude hat er realisiert. Seine Appartementhäuser waren luxuriös, seine Kirchen- und Universitätsgebäude spektakulär, seine Auftraggeber die größten und renommiertesten Unternehmen und Institutionen der Welt: die UNSESCO, IBM, die Vereinigten Staaten von Amerika, deren niederländische Botschaft er baute – und nicht zu vergessen Flaine, einen Wintersportort in den französischen Alpen, der komplett nach Breuers Entwürfen gebaut wurde. Marcel Breuer war ein schillernder Superstar, der wie nur wenige andere als moderner Architekt und Architekt der Moderne in die Geschichte einging.

Marcel Breuer hat ein architektonisches und produktgestalterisches Erbe hinterlassen, das zu den wichtigsten Werken zählt, die die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts kennt. Es ist nur allzu typisch für die Biographien und Zeitläufte des vergangenen Säkulums, dass Marcel Breuer erst in den Vereinigten Staaten von Amerika zu endgültigem Ruhm gelangen konnte. Marcel Breuer ist 1981 als einer der berühmtesten und wirkmächtigsten Architekten und Produktdesigner der Moderne im Alter von 79 Jahren in seinem New Yorker Wohnsitz verstorben.

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2 Replies to “Marcel Breuer – Großmeister des Stahlrohrdesigns”

  1. Vielleicht in diesem Zusammenhang auch noch interessant: In Europa wurden folgende private Wohnhäuser von ihm konzipiert:

    1932: Haus Harnischmacher in Wiesbaden, Schöne Aussicht 55 (zerstört)
    1953–1955: Haus Harnischmacher II in Wiesbaden, Schöne Aussicht 53
    1967: Haus Jacques Koerfer in Moscia, Ascona Tessin (mit Herbert Beckhard und Roland Weber)

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