Vitra Campus 2: Ein Betonschiff für die Feuerwehr

Die bekannteste Feuerwache der Welt?

Was ist das schönste Feuerwehrhaus, das Sie kennen? Nun ja. Feuerwehrhäuser kennen wir als pragmatische Zweckbauten ohne weiteren ästhetischen Anspruch. Ein flache Fahrzeughalle und ein schmuckloser, höchstens zweigeschossiger Anbau für die Mannschaftsräume. Feuerwehrhäuser sind zumeist von einer architektonischen Ausdrucklosigkeit, derentwegen sie uns nicht länger in der Erinnerung bleiben. Oder haben Sie das Bild der Feuerwache Ihres Wohnortes oder der nächstgelegenen Stadt im Kopf? Wahrscheinlich nicht – und uns, so geben wir unumwunden zu, geht es genauso. Wir alle haben aber meist ein Bild eines Rathauses, eines Fernsehturms, eines Einkaufszentrums, Museums-, Unternehmens- oder Behördengebäudes im Kopf.

Wenn Sie das Feuerwehrhaus auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein gesehen haben, wird sich das schlagartig ändern. Denn dieses Bild wird nicht so schnell wieder Ihrer Erinnerung entfallen. Wir befinden uns also noch immer auf dem Vitra-Campus und haben soeben die Tankstelle von Prouvé passiert. Wir beschreiten eine schnurgerade Straße, bis diese eine leichte Biegung macht. Wir sehen graue Sichtbetonfragmente. Wir stehen vor nichts geringerem als der berühmten, berüchtigten, wenn nicht sogar der unter Architekturliebhabern bekanntesten Feuerwache der Welt. Geschaffen hat sie Zaha Hadid im Auftrag von Rolf Fehlbaum, dem damals geschäftsführenden Direktors von Vitra, der mit Frank Gehry und Tadao Ando bereits zwei namhafte Architekten für den Campus von Vitra gewinnen konnte.

Zaha Hadid Feuerwache Vitra Campus

Wo bleibt der Durchbruch?

Die Feuerwache wurde als Reaktion auf den Großbrand von 1981 gebaut, in dem ein Großteil des Firmengeländes den Flammen zum Opfer fiel – es dauerte aber über zehn Jahre lang, bis aus der Planung ein Gebäude wurde. Seit 1993 bereichert Zaha Hadids markantes Gebäudekunstwerk den Vitra Campus, und mittlerweile ist sie eine nicht mehr wegzudenkende, bizarr-schöne Architekturikone, die jährlich tausende Besucher aus aller Welt anzieht. Die Feuerwache zeigt eindrücklich, dass Zaha Hadid nicht einfach nur eine Architektin ist, sondern eine Künstlerin, die traditionellen Architekturvorstellungen nicht nur mit ihrer Feuerwache ein Requiem spielt.

Zaha Hadid ist ein Superstar der neuesten Architekturgeschichte. Die gebürtige Irakerin stammt aus einem Elternhaus, das westlichen Lebensentwürfen nicht abgeneigt war und deren Wohnhaus stark vom Bauhaus-Stil beeinflusst war. Entsprechend weltbürgerlich ausgerichtet war ihre Schulausbildung, die Hadid in einem schweizerischen und britischen Internat absolvierte. Dem folgte ein Studium der Architektur an der Amerikanischen Universität in Beirut; ihre Diplomarbeit verhandelt den Plan für ein Hotel in London. Dortselbst hat sich Hadid 1980 mit einem eigenen Büro selbstständig gemacht. Doch der Durchbruch ließ auf sich warten. Viele Projekte verblieben im Stadium des Entwurfes. Als Architekturprofessorin stellt aber die rein theoretische Arbeit ebenfalls einen gewichtigen Schwerpunkt ihrer Arbeit da.

Zaha Hadid Feuerwache Vitra Campus

Sind wir betrunken?

Tatsächlich gelang Zaha Hadid der Sprung auf die internationale Bühne mit der Feuerwache für Vitra. Die Feuerwache ist die Blaupause für alles weitere Schaffen Hadids. Der zerklüftete Bau hat keine rechten Winkel, wirkt wie eine Akkumulation von unerwarteten Ecken, harten Kanten und spitzen Zacken und irritiert mit stürzenden Linien, schrägen Winkeln, spitz zulaufenden Wänden und einem eigentümlichen Eindruck von Unvollendetheit. Treten wir also ein, in dieses gänzlich farblose Gebäude.

Von innen wirkt der Bau nicht weniger verunsichernd als von außen. Uns ist, als seien wir betrunken – wir sind es natürlich nicht. Es sind die schiefen Ebenen, die stürzenden Wände und abschüssigen Böden, die uns suggerieren, wir stünden auf einem sturmgepeitschten Schiff – ein Eindruck, den die zulaufenden Wände bestärken. Ein Gang zur Toilette durch die offenen Umkleideräume lässt uns glauben, wir müssten uns irgendwo festhalten – doch auch das ist nicht nötig. Wir stehen hier in einem Gebäude, das einen sprichwörtlich schwindeln lässt, ein Gebäude, dessen Wirkung physisch spürbar ist – weshalb die Feuerwache auch berüchtigt ist. Vielleicht können Sie die Wirkung des Gebäudes beim Betrachten der Bilder nachvollziehen?

Zaha Hadid Feuerwache Vitra Campus

Immer eine Reise wert

Zaha Hadid hat als erste Frau den Pritzker-Preis verliehen bekommen, der gerne auch als Nobelpreis für Architektur bezeichnet wird und in Fachkreisen höchste Anerkennung genießt. Wer die Feuerwache von Vitra betritt, spürt, wofür der Preis verliehen wurde. Hier lässt sich erleben, dass Zaha Hadid durch Architektur die Wahrnehmung des Raumes zu ändern vermag. Ihre Bauten zielen nicht darauf ab, bekannte Wahrnehmungsmuster zu bestätigen, sondern den Menschen zu neuen Wahrnehmungen aufzufordern. Die Feuerwache ist mehr Skulptur als Gebäude und ihre Wirkung ist an diesem Ort vor allem auch deshalb so stark, weil die nah benachbarten Gebäude traditionell rechtwinklige Werkshallen sind. Dass die Feuerwache als solche gar nicht mehr genutzt wird, weil die Weiler und Basler Feuerwehren im hoffentlich nicht eintretenden Fall eines Brandes zuständig wären, spielt dabei kaum noch eine Rolle. Die Wirkung dieses Betonkunstwerks bleibt ohnehin bestehen, ob in ihm nun Feuerwehrautos geparkt werden oder nicht. Das Gebäude wird mittlerweile für Veranstaltungen oder Ausstellungen des Vitra Design Museums genutzt, aber dieses Gebäude ist auch gänzlich leer ein hinreißendes Erlebnis und immer eine Reise wert.

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