Arne Jacobsen. Architektur plus Design gleich Weltruhm

Zweigleisig ist besser

Dass Arne Jacobsen schon früh hoch hinaus wollte, zeigte sich schon unmittelbar nach Abschluss seines Architekturstudiums, als er ein kreisrundes „Haus der Zukunft“ genanntes Gebäude entwarf, das einen Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach haben sollte. Dieses Haus ist zwar nicht gebaut und ein Hubschrauber von dessen Dach also auch nie gestartet, aber dennoch: nur wenig andere skandinavische Schöpfer konnten derart hoch in den Design-Himmel steigen wie dieser Arne Jacobsen, der sich mit seiner markanten Pfeife nicht nur in die Designgeschichte, sondern die Architektur- und Kulturgeschichte überhaupt eingearbeitet hat. Arne Jacobsen ist sozusagen der Le Corbusier Dänemarks.

Arne JacobsenDoch war ihm sein Werdegang hin zu einer Gallionsfigur skandinavischer Baukunst und Formgebung nicht unbedingt in die Wiege gelegt – der Vater war ein Kaufmann, die Mutter eine Bankerin (die sogenannten gutbürgerlichen Verhältnisse) und somit eine kreative Karriere nicht das erste, woran die Eltern dachten. Eigentlich wollte Jacobsen Maler werden, hat nach der Schule aber eine Ausbildung zum Steinmetz absolviert, um im Anschluss daran dem Vater zum Wunsche Architektur an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen zu studieren. Einer zweigleisigen, sowohl künstlerischen als auch technischen Karriere war damit der Weg geebnet. Seine ersten kreativen Arbeiten waren Metallmöbel für besagtes Haus, das nicht gebaut wurde. Arne Jacobsen hat damit seine Profession gefunden, ohne der Architektur abgeschworen zu haben.

Arne Jacobsen - Das EiWie verliert man ein Gesamtkunstwerk?

Jacobsen war ein Funktionalist, will heißen: die Form eines Gegenstandes hat sich nach seiner Funktion zu richten. Soll auf einem Haus ein Hubschrauber landen können, dann ist ein Steildach fehl am Platze – und das Haus wird in Entsprechung zur Rotorblattbewegung auf einem kreisrunden Grundriss geplant. Der berühmte amerikanische Hochhausarchitekt Louis Sullivan hat das schon 1896 auf die nicht weniger berühmte Formel „form follows function“ (die Form folgt der Funktion) gebracht, die als eine der wichtigsten Gestaltungsleitsätze des vergangenen Jahrhunderts Geltung beansprucht. Eine sinnentsprechende Sentenz soll sogar schon viel früher von Kollegen Sullivans geäußert worden sein. Entsprechend gilt das nie gebaute „Haus der Zukunft“ mittlerweile als erste Manifestation des Funktionalismus in Skandinavien – Arne Jacobsen war ein Pionier.

Sein wohl bekanntestes architektonisches Werk dürfte das Radisson SAS Royal Hotel Kopenhagen sein (1960). Mit diesem Hotel hat Jacobsen nicht nur die Stadtsilhouette von Kopenhagen geprägt, sondern auch ein einzigartiges Gesamtkunstwerk geschaffen, das ihn in die internationale Architektur-Champions-League katapultiert hat – in den nachfolgenden Jahren baute Jacobsen auch viel in Deutschland. In keinem anderen seiner Werke sind Design und Architektur und Jacobsen Talente als Möbel-, Textil-, und Keramikgestalter derart eng miteinander verwoben wie in diesem Fünf-Sterne-Hotel, für das Jacobsen die gesamte Inneneinrichtung entworfen hat – Besteck, Textilmuster, Leuchten, Möbel und Tapeten. Jedoch ist in den vergangenen Jahrzehnten das Hotel immer wieder an- und umgebaut worden, sodass mittlerweile nur noch ein einziges Zimmer im Originalzustand erhalten ist. Man spricht deshalb auch von Jacobsens verlorenem Gesamtkunstwerk.

Arne Jacobsen - Der SchwanIn den berühmtesten Design-Museen der Welt

Auf ewig erhalten sind aber die Möbelentwürfe, die Jacobsen für sein größtes Architekturprojekt geschaffen hat, denn es sind in jeder Hinsicht bahnbrechende Stücke. Zu nennen wären das Ei und der Schwan – zwei Designgeschwister, wenn man so will. Der figurative Korpus des Egg Chair, der wie ein Stück einer großen Eierschale wirkt, gewinnt seine ästhetische Wirkung aus dem gänzlichen Fehlen von Geraden. Der Sessel ist eine in sich geschlossene Sitzskulptur, und das war in den ausgehenden 50gern eine Sensation. Das Ei wird von Anbeginn an von der Möbelmanufaktur Fritz Hansen produziert, und ebenso zeitlos wie die extravagante Form ist der heimelige Sitzkomfort und das Geborgenheitsempfinden, das dieser Stuhl vermitteln kann. Dass ein solch großer Wurf auch im Museum of Modern Art in New York zu finden ist, versteht sich dabei fast von selbst.

Nicht weniger legendär ist der Schwan, der wie der „Egg Chair“ für das Kopenhagener Hotel geplant wurde. Wie nur wenige andere Sitzmöbel auch ist der Schwan ein beispielhafter Vertreter der minimalistisch-fluiden Anmut dänischen Designs. Seinen Namen bezieht dieses skulpturale Sitzmöbel ebenfalls aus dem völligen Verzicht auf gerade Linien; die geschwungene Formgebung der Arm- und Rückenlehnen lässt – daher der Name – an einen Schwan denken. Dessen gediegener Sitzkomfort und höchstqualitative Ausführung sind bis heute über jeden Zweifel erhaben. Auch dieser Stuhl hat es in die berühmtesten Design-Museen der Welt geschafft.

Arne Jacobsen - Der SiebenerCallgirl auf Möbelplagiat: Unverhofft kommt oft

Zählt man die Meisterstücke des Arne Jacobsen auf, darf auch der 7er Stuhl mit seiner markanten, flüssig-trichterförmigen Rückenlehne nicht fehlen – vor allem, weil sich daran eine denkwürdige Anekdote knüpft, die den Stühlen dieser Serie einen ungeahnten Verkaufserfolg bescherte. 1963 posierte das Model und Callgirl Christine Keeler rittlings auf einem Siebener; die ausladende Rückenlehne verdeckte dabei ihre Brüste und ihren Intimbereich. Ein Modell auf einem Stuhl – soweit nichts Ungewöhnliches. Allerdings war der Stuhl ein Plagiat. Geschadet hat es aber weder Jacobsen, noch dem Hersteller seiner Stühle – die Originale der Serie 7 verzeichneten nach Veröffentlichung der Bilder einen sprunghaft gestiegenen Absatz und so ist die Serie 7 eines der meistverkauftesten Stuhlmodelle aller Zeiten. Unverhofft kommt oft.

Die Ameise ist ebenfalls ein berühmter Stuhl, der seinen Namen der streng taillierten Lehne verdankt. Dieses Modell wurde für die Kantine eines dänischen Pharmazieunternehmens entworfen. Es ist ein bis heute unverkennbar individuelles Möbelstück, dass in Jacobsens Werkgeschichte als Vorgänger für die Serie 7 gilt. Mit seinen drei Beinen steht es äußerst stabil, und dass Sitzfläche und Lehne aus einem einzigen Stück gebogenen Furniersperrholz bestehen, war zum Zeitpunkt seiner Entstehung (1951) sowohl hinsichtlich des verwendeten Materials als auch der Produktionstechnik eine ultimative Innovation. Die einzigartige Rückenlehne, das überraschend geringe Gewicht und die praktische Stapelbarkeit machen auch die Ameise zu einem dauerhaften Verkaufsschlager.

Arne Jacobsen - Die AmeiseEin Genie denkt auch an Raucher

Neben Architektur und Mobiliar hat Arne Jacobsen nicht weniger erfolgreiche Gebrauchsgegenstände geschaffen, die wie auch seine Gebäude und Einrichtungsgegenstände längst in den Kanon unvergänglicher Designikonen aufgenommen wurden. Während gegen die „Swinging Sixties“ häufig der Vorwurf geäußert wird, diese Dekade habe auch viel Kitsch produziert, lässt sich das von den Designstücken Jacobsens überhaupt nicht sagen – ganz im Gegenteil, seine Haushaltsutensilien für Stelton sind moderne Klassiker, deren nordisch-kühle Ästhetik mit zunehmendem Abstand zur Entstehungszeit konstant an Attraktivität gewinnt. So wirkt das schon 1967 für Stelton entworfene Teeservice aus elegantem Edelstahl mit seiner zylindrischen Form auch heute noch auf dem Tisch, als habe diese Form soeben erst das Licht der Welt erblickt. Und wem zu Tee oder Kaffee zu Rauchen beliebt: mit seinem Kippascher hat Jacobsen auch an die Raucher gedacht.

Es gäbe noch viele denkwürdige Schöpfungen von Arne Jacobsen zu beschreiben und zu zeigen – allein, ein solch schöpferisches Leben, wie Jacobsen es führte, lässt sich kaum in Gänze abbilden. Man sagt, er habe sich von seiner Arbeit mit Arbeit erholt – er muss ein Genie gewesen sein, daran lässt sein unermesslich kreativer Nachlass keinen Zweifel. Es ist eine Ehre, seine Produkte vertreiben zu dürfen – und damit ein Stück skandinavische Kulturgeschichte hinaus in die Welt zu tragen.

Arne Jacobsen - Teeservice

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